April 26, 2009

Donaufestival: Der rettende Sound, die Predigt der Erde

Donaufestival: Der rettende Sound, die Predigt der Erde
Donau Festival 2009
By SAMIR H.KÖCK
Schöner Lärm von „Spiritualized“ und Anti-Konsumismus-Prediger Reverend Billy in Krems. Angeheizt von der dynamischen Pianistin Katrina Lewis folgte der stimmgewaltige Chor dem Reverend noch in gewagteste Sermone.

Das Hochamt hob erstaunlich leise an. Sphärische Klangwolken, in denen sich behutsam Gospelstimmen aufbauten: Mit einem verschummerten „Amazing Grace“ begann die Performance der britischen Band Spiritualized, die eine Apotheose der Heilwirkung des Lärms werden sollte. „Amazing grace! How sweet the sound – that saved a wretch like me!“ intonierten die beiden dunklen Schönheiten weich. Dann schwoll der Sound bedrohlich an, ging über in den alptraumhaften Zeitlupen-Groove von „Shine A Light“.

Die Songs von Spiritualized schlagen gerne übergangslos von lieblicher Melodie in weißes oder gar rosa Rauschen um. Bandleader Jason Pierce, fanatischer Durchpeitscher der konsequent gehaltenen Dialektik zwischen Lieblichkeit und Infernalität, hat dank beinahe letal verlaufener Drogenexzesse Erfahrung an den Kanten des Daseins. Er lässt sein Publikum teilhaben am durchlittenen Beinah-Daseinsschwund, er lässt es piepsen und fiepsen wie in der Intensivstation. „Ladies And Gentlemen, We Are Floating In Space“, gemächliches Geblubber, das in Elvis Presleys „I Can't Help Falling In Love With You“ mündete und in seiner übersteigerten Normalität immens „otherworldy“ klang.


Getöse als Fetisch und Heilsbringer

Spiritualized erinnern in ihrer provokanten Gemächlichkeit beim Entwickeln der zuckersüßen Melodien an die Pink Floyd der Siebzigerjahre. Die agierten strukturell ganz ähnlich, bloß endeten sie nie im totalen Lärm. Der ist für Spiritualized nichts weniger als Fetisch und Heilsbringer gleichzeitig. Unter den Highlights war das böllernde „Walking With Jesus“, auch das ein wenig ordinär-psychedelische „Come Together“. Markantes Ende: ein tosender, von Lichtblitzen zerhackter, halbstündiger Schlussakkord, der die Fans beinah von den Beinen riss.

Ein apokalpytisches Szenario anderer Art boten Reverend Billy und sein „The Stop Shopping Gospel Choir“. Ihnen ging es um die „Shopocalypse“, die sie mit sportlicher Anti-Konsumismus- Liturgie und beherzten „Change-allujah!“-und „Peace-allujah“-Rufen zu bemeistern trachteten. Angeheizt von der dynamischen Pianistin Katrina Lewis folgte der stimmgewaltige Chor dem Reverend noch in gewagteste Sermone. Mit elegant groovenden Songs wie „Pushback“ und „Back Away“ pries das Ensemble Glücksmöglichkeiten jenseits des Konsumierens. Reverend Billy entwarf mit sich überschlagender Stimme und kecken Tanzschritten neue Weltaneignungsmöglichkeiten: „We must destroy our postcards, lose our egos, lose our balance – we will win, because decency is power.“ Der für die New Yorker Grünen bei der kommenden Bürgermeisterwahl antretende falsche Reverend enthüllte: „Earth is the only authentic preacher.“ Mit dem rechten Maß an Entrücktheit stärkte der dramatisch intonierende Chor die Wirkung des Reverends. Der sich sogar ins Auditorium stürzte, um die Dämonen aus den Kreditkarten der Besucher zu exorzieren.

Gelernt hat er bei einem gewissen Sidney Lanier, einem Freund von Lenny Bruce. „Sidney lehrte mich die Dramaturgie des Predigens“, verriet er im Gespräch mit der „Presse“. Und: „Diese Wende in meinem Leben kam überraschend für mich, schließlich entstamme ich kalvinistischen Kreisen. Vor Christen fürchtete ich mich lange Zeit. Die verprügelten mich oft als Kind...“

Heute lebt er angstfrei. Am Tag nach seinem umjubelten Auftritt beim Donaufestival statteten er und sein Chor einer Kremser Tschibo-Filiale einen lautstarken Besuch ab. Entnervt kramte der Filialleiter sein einziges Packerl „Fair-Trade“-Kaffee hervor. Das besänftigte den Furor der Truppe nicht. Also trugen sie ihn unverzüglich in die Hauptstadt. Am Wiener Graben ging es lautstark mit einem Happening inmitten des Stadtfests weiter: „Push back! Don't take slavery in my coffee. We like Fair Trade – cause it's tasty!“ Für Agitation dieser Art bekam Reverend Billy weltweites Lokalverbot bei Starbucks. In Wien blickte er kurz auf und entdeckte schon wieder eine Tschibo-Filiale. Da wurde er grimmig: „We have to de-tschibo-size our lifes!“

DONAUFESTIVAL: WAS KOMMT

■Der zweite Block des Donaufestivals – heuriges Motto: „Fake Reality“ – beginnt am Donnerstag, 30.4., mit der Uraufführung der Performance „Planning To Rock“ und Auftritten von u.a. Luke Vibert und Aphex Twin. Am 1.Mai kommen Antony and The Johnsons, Coco Rosie u.v.a., am 2.Mai die Klangrauminstallation „Iconophonic“, Dat Politics u.v.a. Info: www.donaufestival.at